Vom alleinsein und vorankommen - 11 Monate Berlin.


Es fühlt sich immer noch an wie gestern, als ich meine Sachen gepackt und mich auf nach Berlin begeben habe. Seitdem ist viel passiert, und doch auch irgendwie nicht. Seine Stadt zu verlassen und praktisch alles hinter sich zu lassen, was einem etwas bedeutet hat, tut einerseits gut und erleichtert, doch auf der anderen Seite ist dies auch unheimlich schwer.
Die erste Zeit war schwierig, denn sie war einsam. Anschluss zu finden stellte ich mir um ehrlich zu sein ein wenig einfacher vor, doch dabei vergaß ich meine nahezu beklemmende Schüchternheit und die sich bereits gebildeten Unigrüppchen, in die man sich nicht einmal mit größter Mühe und einer Menge geheuchelter Freundlichkeit hineinkämpfen konnte. Zwei Leute fand ich - zu meiner Überraschung. Was mich nicht überraschte, war, dass auch diese beiden schneller weg waren als ich gucken konnte, denn sie kamen eines Tages nicht mehr zu jeglichen Vorlesungen, und auch sonst waren sie wie von der Bildfläche verschwunden. Ich vermisste meine Familie und Freunde, musste mich in der Uni zurechtfinden und genauso in Berlin. Alles war mir zu grell, zu schnell, zu laut, alles war mir viel zu viel. Oft saß ich alleine in meinem Wg- Zimmer, und auch, wenn viele dies nicht gern zugeben würden - ich zweifelte oft an meiner Entscheidung. 
Doch auch trotz all der anfänglichen Schwierigkeiten kamen mit der Zeit Leute, gingen Leute, stellten mir Leute von Leuten vor, die wiederum Leute kannten, mit denen ich nun unterwegs war. Freundschaftlich gesehen herrscht hier ein stetiger Wechsel, alles erscheint mir bis heute unfassbar oberflächlich. Doch auch unter der Vielzahl an Leuten, die man kennenlernt, findet man dann trotzdem einzelne, die bleiben - und das länger.
Selbst heute fühle ich mich manchmal noch einsam, denn viele Freunde habe ich nicht. Vielleicht drei, um genau zu sein. Nach elf Monaten stellt man sich vermutlich mehr vor, als bloß drei Leute zu den Personen zählen zu können, die einen auf täglicher Basis ertragen, und das gerne, aber wenn man bedenkt, wie schnelllebig diese Stadt doch ist, und wie schnell sich die Dinge hier ändern können, bin ich verdammt froh, überhaupt einen gefunden zu haben.
Abgesehen von all den negativen Aspekten, hatte die anfängliche Phase der Einsamkeit auch seine guten Seiten - ich fing an, mich wirklich mit mir selbst auseinanderzusetzen.  
Und damit meine ich nicht, dass ich mich jeden morgen fünf Sekunden länger vor meinen Spiegel gestellt und jeden Makel meines Körpers ausgiebig begutachtet habe, bis ich zum Entschluss kam, dass ich heute wohl lieber keine Schokolade mehr essen sollte, dazu noch Joy Division gehört und irgendwann dann doch endlich mal erkannt habe, wie toll und hübsch ich eigentlich bin, hinter all den Fehlern versteht sich. Selbstreflexion finde ich sehr wichtig, und dazu noch unheimlich spannend. Ich habe angefangen zu meditieren, Tagebuch zu schreiben und Yoga zu machen. Das alles hat mich, auch wenn sich das für meinen Geschmack viel zu esoterisch anhört, ein Stückweit mehr zu mir selbst gebracht.

Zusammenfassend // 
Berlin ist schnelllebig, die Zeit rast, und du ihr hinterher.
In Berlin geht immer was, das sagt doch jeder. Und genau das ist der Punkt. Berlin hat sein eigenes Tempo, doch du musst lernen, dein eigenes zu finden und zu wissen, wann Schluss ist, denn sonst gehst du unter.  Entweder, man liebt oder hasst es. Ich, zu meinem Teil,  liebe es. Die Menschen, die Kunst, die Inspiration, die Berlin ausstrahlt, die unzähligen Möglichkeiten, die du hast. Auch, wenn es für Menschen wie mich - kleine, leise, introvertierte Mädchen, die versuchen, einen festen Platz in ihrem Leben zu finden - schwer ist, hier Fuß zu fassen, ich würde nie wieder zurück. Nicht für eine einzige Sekunde. Denn hast du erstmal deinen Platz hier gefunden, willst du nicht mehr weg. Nie wieder.

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